Amok im Geiste

Nach dem Amoklauf von Emsdetten ist auch die Diskussion um die “Killerspiele” wieder da. Das war zu erwarten. Die üblichen Verdächtigen sind alle mit dabei; teilweise sogar mit einem Elan, wie man ihn bei so langweiligen Themen wie Rente, Arbeit und Mehrwertsteuer nicht gesehen hat.

Einen der peinlichsten Höhepunkte dieser peinlichen Diskussion liefert allerdings Bernd Graff von der Süddeutschen Zeitung.

Der Mann hat Messerscharf erkannt das sämtliche Argumente und Polemiken bereits durchgekaut wurden, und ein neues Thema gefunden. Denn er findet diese Killerspiele einfach unästhetisch. Ganz und gar ekelhaft sogar. Und so etwas gehört verboten:

“Die Diskussion muss also um ästhetische Kriterien bereichert werden. Man sollte sich klar zu machen, welch kruden Bild-Scheußlichkeiten man sich mit den Ballerspielen aussetzt. Allein darum möchte man sie verbieten. Wirkung ist ja nicht bloß Aggression, die gewissermaßen durch Bilder hindurchgereicht wird und dann irgendwie auf den Spieler abfärbt. Die Bilder selber sind aggressiv:”

Der Autor findet die “Bilder” also dermaßen scheußlich dass er das Spielen solcher “Ballerspiele” als gewalttätigen Akt gegen den Spieler empfindet. Und den möchte, offenbar von Staats wegen, verboten haben; das kann er auch noch weiter ausführen:

“Man kann außerdem noch einmal daran erinnern, dass Bilder in Computerspielen nicht-notwendige Bilder sind; dass es außer dem Grund, sie zu verkaufen, keinen gibt, sie herzustellen und zu zeigen – erst recht nicht als optischen Balanceakt auf der Ekelschwelle. Dann ist offensichtlich, dass man sich diesen entmenschlichten Bildern auch nicht aussetzen muss.”

Nun gehe ich davon aus, dass weder Herr Graf noch sonst irgendjemand gezwungen wird sich den “entmenschlichten Bildern” auszusetzen. Und die Spieler, die es freiwillig tun, teilen wohl kaum seine ästhetische Einschätzung. Die Argumentationskette ist kurz und absurd: Da ist etwas, das tut mir weh. Also muss es auch vom Rest der Menschheit ferngehalten werden, ob sie nun will oder nicht.

Das ganze zeigt eine bizarre Befindlichkeit im Feuilleton, die über die aktuelle Killerspiele hinausgeht. Man kann es sich als Journalist nicht leisten, zu einem aktuellen Thema nichts zu sagen. Und man ist zu intellektuell, das Offensichtliche zu berichten.

Also wird jeder noch so alberne Blickwinkel mit dem größten Ernst ausgeleuchtet. Hauptsache, man setzt sich von der Meute ab.
Oder wie sonst ist es zu erklären, dass in einem durchaus liberalen Blatt ein Journalist allen Ernstes fordern kann, ein anderes Medium solle einer Geschmackszensur unterworfen werden. Denn sein ästhetisches Empfinden gebiete es so.

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